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Mikropolis … oder wie wollen wir leben?

Theater/Performance in Kooperation mit dem Kunstfest Weimar

Premiere: 28.08.2016

Regie: Martin Zepter

Spielstätte: stellwerk Weimar

Nichts wird derzeit kontroverser diskutiert als die Frage nach unserem sozialen Zusammenhalt, nach geltenden Wertvorstellungen und einem Gesellschaftsmodell, das für alle tragfähig ist. Welche Meinung, welche Ideen und Visionen haben junge Menschen dazu? Wie wollen sie heute leben und was ist ihnen wichtig fur ihre zukünftige Gesellschaft? Das Theater- und Performancekollektiv theatrale subversion aus Dresden und das freie Jugendtheater stellwerk weimar haben acht junge Erwachsene zwischen 19 und 31 Jahren eingeladen, sich ausgehend von diesen Fragen auf Recherche zu begeben. Ihr Ziel: Der Entwurf einer alternativen Mikrogesellschaft. In Workshops, Diskussionsrunden und theatralen Erkundungen haben sich die Performer*innen mit Themenfeldern wie Arbeit, Liebe, Kunst, Philosophie und Kommunikation auseinandergesetzt und daraus ihre »Mikropolis« entwickelt. »Mikropolis« – das ist keine Gesellschaftstheorie, das ist lebendige Utopie: Die Zuschauer*innen betreten mehrere individuell gestaltete Räume, in denen sie auf die Performer*innen treffen und die sie gemeinsam durchwandern. Zwischen Theater, interaktiver Performance und Rauminstallation angesiedelt, können Meinungen ausgetauscht, Ideen diskutiert und konkrete Absprachen getroffen werden – ganz unabhängig von bestehenden Konventionen und vor allem auch für die Zeit nach dem Besuch von »Mikropolis«.

Einführung jeweils 30 Minuten vor Vorstellungsbeginn.
Publikumsgespräch jeweils im Anschluss an die Vorstellung.

Dauer: ca. 2h 30min, keine Pause

 

Konzeption & Regie
Martin Zepter / theaterale subversion Dresden

Dramaturgie
Michael McCrae

Mit
Acht Performer*innen aus Weimar, Jena und Erfurt

Produktion
stellwerk weimar e.V. – junges Theater, Kunstfest Weimar

Förderung
Kulturstiftung des Freistaats Thüringen

Foto
Thimo Hennig

Wolgang Hirsch über Mikropolis (TLZ, 30.08.2016):

Weimarer Jugendtheater „stellwerk“ mit Utopia-Projekt zum Kunstfest
Das Weimarer Jugendtheater „stellwerk“ meldet sich zum Kunstfest mit einem engagierten Utopia-Projekt.

Weimar. Ach, was für ein fröhlich-anarchisches Völkchen hat sich da am Weimarer Bahnhof versammelt! Nein, nicht in der Wartehalle, sondern gleich ne­benan im „stellwerk“. So heißt das ambitionierte Jugendtheater der Klassikstadt, und fürs Kunstfest hat man sich ein experimentelles Projekt ausgedacht, das im theatralen Schutzraum probiert, wie sich junge Menschen das Gemeinwesen der Zukunft vorstellen. „Mikropolis“ – so der Arbeitstitel für die Stadt der Zukunft im Kleinen.

Unhierarchisch vor allem soll sie organisiert sein, unbedingt integrativ und multikulti-sympathisch. Es gibt einen Radiosender, ein Transit-Café, eine „Mikropa-Bar“ und ein Ar­chiv der Erfahrungen, folglich verbringen, wie‘s scheint, die „Mikropier“ ihre Zeit am liebsten mit Feiern. Womöglich täuscht dieser Eindruck, weil man ja gerade auf der Agora, dem Marktplatz, die siebten Dionysien begeht, also freihändig ans antike Griechenland anknüpft, dem Mutterland der Demokraten.
Da hockt man wie zu seligen Sponti-Zeiten auf Getränkekästen in den flexiblen, improvisierten Kulissen, singt Balladen zur Klampfe und tauscht mit den anderen bebilderte Coupons, bis ein Quartett fertig ist und gegen ein fruchtiges Freigetränk an der Bar eingelöst werden kann. „Was wäre, wenn wir die ganze Welt einmal umkrempeln könnten?“ – Liebe, Entschleunigung, Ekstase, Entspannung wären plötzlich Werte, die wichtig sind. Seifenblasen segeln durch den sommerheiß-stickigen Saal, und TV-Clips grüßen vom virtuellen Planeten YouTopia. Eine blinde Seherin bietet ihre Dienste an, jemand erzählt eine Geschichte, von einem Fremden, der sich an den Stadtrand setzt. Mitspieler und Zuschauer wachsen in diesem theatralen Tableau zur Gemeinschaft, eine junge Chinesin lädt auf Chinesisch sieben Freiwillige ein, ein Theaterstück einzustudieren. Es handelt von einem Fremden, der sich an den Stadtrand setzt – und nicht ausgeschlossen bleibt.
Genau darum geht es Claudia, Dana, Michael, Marie, Yifan und den beiden Annas – also den „stellwerk“-Akteuren – in ihrem leidenschaftlichen Utopia-Projekt. Nur der dramatische Fortgang, soweit vorhanden, dümpelt doch eher konfliktfrei vor sich hin. Solange Ambrosia und Nektar fließen – kein Problem.

Wolfgang Hirsch / 30.08.16 / TLZ