Bühnenrepublik der Utopisten: Weimar und Dresden inszenieren für Kunstfest

Von dem Konzept für das Kunstfest, das beide freie Theater gemeinsam eingereicht hatten, war die Kunstfest-Leitung schnell überzeugt. „Wir wollten beweisen, dass auch junge Menschen etwas zum Kunstfest beitragen können“, erklärt Stellwerk-Chefin Kathrin Schremb.

Bühnenrepublik

Das Junge Theater Weimar: (v.l.n.r.) Regisseur Martin Zepter, Theaterpädagoge Marcel Sparmann, Performerin Dana Seyfarth, Performer Michael Donth und Stellwerk-Chefin Kathrin Schremb. Foto: Esther Goldberg

Dana Seyfarth ist die spirituelle Führerin und Michael Donth der Musiker. Sie leben in Mikropolis. Dieser Ort befindet sich ab Ende August in der „Bühnenrepublik Stellwerkistan“. Das ist ein Staat, der für die Bühne des Stellwerks aufgerufen und den Spielplan der Stellwerker in der neuen Saison bestimmen wird. Die erste Inszenierung, die sogar Bestandteil des Kunstfestes Weimar wurde, ist „Mikropolis – wie wollen wir leben?“.
Dana Seyfarth und Michael Donth sind zwei der sieben Performenden, die diese Idee gestalten werden. Begleitet und geleitet werden die sieben jungen Leute von Martin Zepter als Regisseur.

In welcher Welt wollen junge Menschen leben?

„Wir als Künstlerkollektiv arbeiten generell nicht mit professionellen Schauspielern, sondern mit Experten des Alltags“, beschreibt Zepter seine „Theatrale Subversion“ Dresden. Genau deshalb ist dieses Freie Theater kompatibel mit den Weimarer Stellwerkern.
Von dem Konzept für das Kunstfest, das beide freie Theater gemeinsam eingereicht hatten, war die Leitung schnell überzeugt. „Wir wollten beweisen, dass auch junge Menschen etwas zum Kunstfest beitragen können und das Stellwerk nicht nur eine Spielstätte sein muss wie im vergangenen Jahr“, erklärt Stellwerk-Chefin Kathrin Schremb ihre Motivation. Gearbeitet wird an der „Mikropolis“ bereits seit Februar.
Alle 14 Tage wurde ein Wochenende lang geprobt. Diese Proben waren zugleich eine Art Experimentiertheater. Welche Räume sind in einem Staat wie Mikropolis zu gestalten? In welcher Welt wollen junge Menschen leben? Dafür hatten sie im Stellwerk auch Mitglieder befragt, als sie im Vorfeld loszogen, Ideen zu sammeln. In dem Workshop der Utopisten wollte ein 12-Jähriger gern König werden. Damit in seinem Land alle glücklich sind. Märchenhaft.

Hunderte Bierkästen als Requisiten

Was zunächst völlig abwegig klang, sorgte für ernsthafte Diskussionen. Welche Instrumente sind nötig, dass die Menschen sich gut fühlen? Woher kommt das Geld, wie gestaltet sich ein Miteinander? Marcel Sparmann, Theaterpädagoge im Stellwerk, schlug für diese Utopien die Kooperation mit dem freien Theater in Dresden vor.
Zepter und Sparmann haben zusammen in Hildesheim studiert und sprechen lächelnd von der „Hildesheimer Schule“. Das Wort vom Hildesheimer Geist vermeiden sie. Der ist nämlich in Weimar weniger gefragt.
Als Requisiten für „Mikrokopolis“ wird es Hunderte Bierkästen geben, die noch anzustreichen sind. Eine Autolackiererei wird sie in Gold tauchen. Mit diesen Bierkästen werden die Räume ausgestattet. Die Inszenierung wird als ein Volksfest gestaltet. Die Mikropolier laden sich Gäste ein, das sind die Zuschauer. Maximal 50 Plätze wird es geben. Weil sonst das Miteinander zu flach gerät.
Grenze zwischen Publikum und Darsteller beinahe aufgelöst

Denn Zepter setzt auf die Interaktion mit dem Publikum, das sich während der Inszenierung frei in unterschiedlichen Räumen bewegen darf und von den Performern ins Spiel gezogen wird. „Wir sind gespannt, wie ältere Menschen auf die konstruierte Welt der Jungen reagieren“, sagt Schremb. Am liebsten wäre ihr in diesem Kontext ein Mann der Wirtschaft, der sich an dem Satz festhält, dass doch der Markt alles reguliere. Widerspruch im Spiel und Nachdenken seien ihm gewiss. „Mit dieser Inszenierung haben wir die Chance auf Gespräche zur postkapitalistischen Entwicklung“, ist Zepter überzeugt.
Doch welche Bedürfnisse und welches Risiko sind junge Menschen bereit zu tragen, wenn sie Veränderungen wollen? Ist alles tatsächlich nur Utopie? „Mikropolis“, das ist nicht zufällig die Anlehnung an die Akropolis als Symbol für die attische Gesellschaft, in der erste demokratische Schritte gegangen wurden, wenn auch ohne Frauen. Die attische Gesellschaft als Wiege der Demokratie und des Theaters.
Im Stellwerk waren die Rollen der Performer öffentlich ausgeschrieben. Beworben hatten sich auch Dana Seyfarth und Michael Donth. „Ich finde es spannend, nicht einfach in eine Rolle zu gehen wie sonst, sondern bei sich zu bleiben“, so Donth, der nicht das erste Mal auf der Bühne stehen wird. „Mir ist es wichtig, dass die Grenze zwischen Publikum und mir beinahe aufgelöst wird“, ergänzt Dana Seyfarth, die zu den Mitgliedern des Stellwerks gehört.

Die Staatseröffnung im Stellwerk findet am 21. August statt, die Premiere für „Mikropolis“ eine Woche später im Rahmen des Kunstfestes Weimar.
Esther Goldberg / 26.07.16 / ZGT